Annotationen zum Sieferle-Skandal

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Link zu meinem Beitrag auf den Seiten der Sezession

Am vergangenen Freitag erschien auf der Literaturseite der SZ die Liste »Sachbücher des Monats Juni« des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und der Süddeutschen Zeitung. Empfohlen werden darin Bücher der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete. Die Redaktion liegt bei Andreas Wang (NDR). Auf Platz 9 stand das Buch »Finis Germania« des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Es ist aus seinem Nachlass zusammengestellt worden und im Verlag Antaios in Schnellroda erschienen. Der Verlag ist Teil der organisatorischen Infrastruktur der extremen Rechten in Deutschland, sein Geschäftsführer Götz Kubitschek zugleich Mitbegründer des in Schnellroda ansässigen „Instituts für Staatspolitik“, Redakteur der Zeitschrift Sezession und Redner auf Pegida-Veranstaltungen.

So die SZ. Punkt. Skandal!

Der darauf einsetzende Eiertanz des für die Liste zuständigen NDR liest sich wie folgt:

Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Platzierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste. Sie ist durch die Akkumulation von Punkten eines Mitglieds der Jury zustande gekommen. Die öffentliche Diskussion hat selbstverständlich auch innerhalb der Jury zu einem heftigen Austausch geführt. Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung. In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Platzierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen.

Das verantwortliche Jury-Mitglied, das durch seine Stimmen die Hereinnahme des Buches bewirkte, hat sich nach immensem inquisitorischem Druck – federführend die SZ, deren Redakteur Jens Bisky direkt nach Bekanntwerden der Liste zurücktrat – nicht nur dazu bekannt (Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel), sondern ist ebenso zurückgetreten.

In diesem Zusammenhang kam mir eine Episode in den Sinn, die Gottfried Benn in seinem Essay »Die neue literarische Saison« von 1931 schildert:

Dieser Problemkreis wurde in einem sehr raffinierten und polemisch fesselnden Vortrag diskutiert, den im Frühjahr dieses Jahres hier bei uns der russische Schriftsteller Tretjakow hielt und dem das ganze literarische Berlin zuhörte. Tretjakow, auch bei uns als Dramatiker bekannt, nach seinem Äußeren und der Art seiner Schilderung ein literarischer Tschekatyp. Der alle Andersgäubigen in Rußland verhört, vernimmt, verurteilt und bestraft […] Tretjakow schilderte, wie in Rußland während der ersten zwei Jahre des Fünfjahresplanes immerhin noch einige psychologische Romane erschienen, denen das Schriftstellerkollektiv auf folgende Weise zu Leibe ging. Ein Roman zum Beispiel stellte dar, wie in einem Haus, das einem Bürger enteignet und für einen höheren Sowjetbeamten requiriert worden war, dieser Sowjetbeamte zu trinken anfing, seinen Dienst vernachlässigte, herunterkam und der alte Hauseigentümer allmählich wieder seine Zimmer okkupierte. Dies war in abendländischer, psychologischer Manier, in herkömmlicher Romanweise, etwas imaginär und gänzlich unpolitisch geschildert. Tretjakow ließ den Autor bei sich erscheinen. »Wo hast du das erlebt, Genosse?« fragte er ihn. »In welcher Stadt, in welcher Straße?« »Ich habe es gar nicht erlebt«, antwortete der Autor, «das ist doch ein Roman«. »Das gilt nicht«, antwortete Tretjakow, »du hast das irgendwo aus der Realität in dich aufgenommen. Warum hast du das nicht der zuständigen Sowjetbehörde gemeldet, daß einer ihrer Beamten infolge Trunkes seinen Dienst unordentlich versah und der Bürger Haubesitzer wieder seine Räume beziehen konnte?« Wiederum antwortete der Autor: »Ich habe das ja nicht in der Wirklichkeit gesehen, ich habe mir das zusammengeträumt, zusammengereimt, gedichtet, eben einen Roman geschrieben.« Darauf Tretjakow: »Das sind westeuropäische »Indivdualidiotismen«. Du hast verantwortungslos gehandelt, eitel und konterrevolutionär. Dein Buch wird eingestampft und du wanderst in die Fabrik.« Auf diese Weise, schilderte Tretjakow, ist in Rußland jede individualpsychologische Literatur verschwunden, jeder schöngeistige Versuch als lächerlich und bourgeois erledigt, der Schriftsteller als Beruf ist verschwunden, er arbeitet mit in der Fabrik, er arbeitet mit für den sozialen Aufbau, er arbeitet mit am Fünfjahresplan. Und eine ganz neue Art von Literatur ist im Entstehen, von der Tretjakow einige Beispiele mitbrachte und mit großem Stolz vorzeigte. Es waren Bücher, mehr Hefte, jedes von einem Dutzend Fabrikarbeitern unter Führung eines früheren Schriftstellers verfaßt, ihre Titel lauteten zum Beispiel: »Anlage einer Obstplantage in der Nähe der Fabrik«, ferner: »Die Durchlüftung des Eßraums in der Fabrik«, ferner als besonders wichtig von einigen Werkmeistern verfaßt: »Wie schaffen wir das Material noch schneller an die Arbeitsstätten?« Das also ist die neue russische Literatur, die neue Kollektivliteratur, die Literatur des Fünfjahresplans. Die deutsche Literatur saß zu Tretjakows Füßen und klatschte begeistert und enthusiasmiert. Tretjakow wird sich über diesen Beifall sehr gefreut, wahrscheinlich aber auch amüsiert haben, dieser kluge Russe wußte natürlich ganz genau, daß er hier nur einen propagandistischen Abschnitt aus dem neuen russischen Imperialismus entwickelte, während die biederen deutschen Kollegen es als absolute Wahrheit nahmen.

Ein entscheidender Unterschied zur Situation Benns, so vielleicht ein erster Gedanke, könnte darin liegen, dass unsere »plurale und bunte« Gegenwart eine solche Frontstellung nicht mehr kennt.

Auf der anderen Seite kann man konstatieren, dass sich die »Individualidiotismen« des homo oeconomicus mit der kollektiven »Revolution« einer globalen Sozial-Nivellierung verbinden konnten. Eine Welt, in der der Mensch und seine Rechte Ausgangspunkt wie Endsieg sein soll. Ein Zirkel, dem der Global-Egalitarismus als »neuer Zauberer« folgt, indem er den Anfang, das Nichts des »creatio ex nihilo« durch unbegrenzte Umverteilung und globale Hütchenspiele auch als Enzustand herbeizuführen trachtet.

Ob die produktive Zerstörung (Schumpeter) gleichmacht oder die globale Gleichmacherei eine produktive Zerstörung ist, wird zur Frage nach Henne und Ei. Die große Kapital-Rendite wie auch die »gerechte Gesellschaft« liegen in der Zukunft. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Der Raum als Zeitspeicher der Vergangenheit ist nur noch Objekt, Leerstelle für das benthamsche Panoptikum, in dessen imaginärer Mitte der Investor des Kapitals oder des »gerechten, moralischen Engagements« thront, die Objekte seines Investments beobachtet – die ihn selber nicht beobachten können – und zu seinen Gunsten oder nach seinem hedonistischen Gusto – meist als Altruismus verkleideter Kolonialismus – manipuliert.

In einer global mobilen Gesellschaft muß das Statische oder räumlich Gebundene fremd erscheinen. In der Historie des aufsteigenden Bürgertums war der Adel solch ein Stand (vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, 288). Hier beugte man sich strengsten Verhaltensvorschriften, in denen »jeder Augenblick durch ein Gesetz festgelegt« ist, in denen sich wiederum die Besonderheit des Raumes, ihre Kultur materialiserte. Für den Adel ist es dabei »soziale Pflicht, oder richtiger, es ist sein Standesvorrecht, vieles nicht zu dürfen. So herrscht ein Verbot des Handeltreibens, das von den alten Ägyptern her die ganze Geschichte des Adels durchzieht. Für den Adel zählte das antike Ideal der Autonomie, der Selbstgenügsamkeit und der Solidarität. Dem Adels-Stand, der sich als Puffer zwischen herrschender Macht und Masse befindet und den direkten Durchgriff verhindet, steht die Mobilität in Form des »unbegrenzten« sozialen und monetären Aufstieg des Bürgers entgegen.

Die Fremdheit dieses »Standes« kommentiert Emmanuel Joseph Sieyès am Vorabend der Französischen Revolution im Januar 1789 in der Polemik »Qu’est-ce que le Tiers état?«. Der Adel ist »eine Klasse Menschen, die, ohne Funktion wie ohne Nutzen ist,« weil sie an ihre Person und ihr Territorium gebundene Privilegien genießen. Das neue sich durchsetzende Modell heißt »Steuerzahlung gegen Freiheit und Mitbestimmung«, mit der sich Bürgertum und König des »unproduktiven Störfalls Adel« entledigen. Wer zahlt, der zählt. Der Bürger wird Staats-bürger. Und hat dabei die Konsumgesellschaft im Tornister. Indem sich die Identität des Bürgers an der Summe seiner Ausgaben orientiert. Immer nur eine Einnahme – Prädestination für das Himmelreich – und eine Ausgabe – dulce et decorum est pro patria mori – von der wahren, feststehenden Identität entfernt. Ich zahle, also bin ich – solvo, ergo sum.

Lat. »solvere« hat ebenso die Bedeutung von »ablösen«, »Anker lichten«. Bindungen, die Arbeit und Investition hemmen, werden hinterfragt. Wähle stets das Nützliche. Also im Rahmen eines Horizontes, der nach dem Sonnenuntergang der Bildung das ewige Morgengrauen der zweckdienlichen Qualifikationen verheißt. Eine Welt, in der Selbstbestimmung gefordert wird, aber nicht außerhalb der geltenden Konsumparadigmen und ihrer Halbwertzeiten auf Erneuerung gefunden werden sollte. Eine Selbstbestimmung also, die gerade das Gegenteil wünscht, nämlich ein nicht bestimmtes Selbst. Das sich seiner Malaise durchaus bewußt ist. Die »Identitären von links« mit ihrer PC-Ideologie sind Ortlose, die ihre Suche nach Identität in eine Opfer-Identität münden lassen, mit der sie nicht selten höchst aggressiv in den Kampf um Ge-räch-tigkeit und geldwerte Aufmerksamkeit ziehen.

Dementsprechend verhält es sich mit dem Thema der Integration. Integration ist nach offiziellen Verlautbarungen in erster Linie Integration in den (globalen) Arbeitsmarkt. Über den disponiblen Rest kann man diskutieren, beispielsweise über eine »Leitkultur«, Geschichte, Tradition, Recht. Integration heißt damit Integration in die Gesetze globaler Vergleichbarkeit und Entkleidung von »Softskills«, die dieser Integration entgegenstehen oder gar »belanglos« sind. Der »Andere« ist dann der »Ähnliche«, wenn er in die globale ökonomische Verfügungsmasse der »freizügigen Körper« und Pflanzenexistenzen integriert ist. Und einerseits seine Identität gegen die Opfer-Ersatzidentität tauscht und damit willfähriges Objekt der »fürsorglichen Belagerung« einer sich altruistisch gebärdenden Moral-Ökonomie wird. Oder andererseits einer den Konsum benötigenden Mode-Identität, einer Dauer-Prothese, fröhnt.

Der gänzlich »Andere«, der diesem »Spiel« des hedonistische Altruismus (»Gutmenschen«) wie auch jenem des altruistischen (»invisible hand«) Hedonismus nicht beiwohnen möchte, muß zum »hostis generis humani« werden, zum Menschenfeind. »Dein Buch wird eingestampft und Du wanderst in die Fabrik,« so Tretjakow. »Rücktritt«, schreit es heute unisono so laut, dass es noch möglichst ins Grab des durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Sieferle klingen soll. Rücktritt und Schande, wenn jemand einen »rechtsradikalen Hundertseiter«, so betitelt von FAZ-Hannes Hintermeier, empfehlen sollte, gleichwohl aus welchen Gründen.

Die deutsche Literatur saß zu Tretjakows Füßen und klatschte begeistert und enthusiasmiert. Tretjakow wird sich über diesen Beifall sehr gefreut, wahrscheinlich aber auch amüsiert haben, dieser kluge Russe wußte natürlich ganz genau, daß er hier nur einen propagandistischen Abschnitt aus dem neuen russischen Imperialismus entwickelte, während die biederen deutschen Kollegen es als absolute Wahrheit nahmen.

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