Piraten und ihre Jäger in der völkerrechtlichen Farbenlehre

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Aktualität einer Nicht-Kombattantenform

Auch in der Rezession gibt es Geschäftsideen, die Konjunktur haben. Eine solche ist die der Piraterie. Das Wort Pirat stammt vom griechischen „paira“ und bedeutet „gewagtes Unternehmen“. „Startups“ der Piraterie gibt es gegenwärtig in Somalia und dem Golf von Aden, in der Straße von Malakka zwischen Malaysia und Indonesien, der Küste von Bangladesh, um die indonesischen Anambas-Inseln oder bei Belawan wie auch an der afrikanischen Westküste. Über dieses traditionelle Gewerbe stöhnt schon Cicero: „Pirata hostis generis humani“. Die Piraten als Feinde der Menschheit halten ergo Einzug in das römische Recht. Hier wird differenziert zwischen regulärem Kriegsgegner und dem Banditen sowie den Piraten.

Die Tradition

Der Niederländer Hugo Grotius, der als einer der Väter des klassischen Völkerrechts gilt, schreibt zu Ende des 16. Jahrhunderts: „See- und Straßenräuber, die keinen Staat bilden, können sich nicht auf das Völkerrecht berufen.“ Und so greifen die hegenden Gebräuche (ge)rechter Kriege nicht: „Die alte natürliche Freiheit bleibt aber dort gültig, wo keine Gerichte bestehen, wie auf offener See.“ Der Seekrieg folgt eigenen Gesetzen, das heißt keinen Gesetzen.

Andererseits entsteht zu Grotius´ Zeit im Jahre 1602 die auf privatisierte Handels- und Kapergewinne ausgerichtete „Generale Neederlandsche Geoctroyierte Oostindische Companie“, die aufgrund der Mißachtung der Verträge von Tordesillas und der Bulle „Inter caetera divina“ von den Spaniern mit einiger Berechtigung als Piratenunternehmung bezeichnet wird. Als 1603 der holländische Admiral Heemskerck ein portugiesisches Handelsschiff kapert, wird Hugo Grotius durch die Kammer der Ost-Indischen Compagnie der Provinz Zeeland gebeten, er möge eine Verteidigungsschrift über das Beuterecht verfassen. Diese erscheint dann im Jahre 1609 anonym, ein fast klassischer Fall des „double bind“.

Das gibt den „Korsaren“, wie ihn Francis Drake verkörpert, neue Legitimation. Der Unterschied zwischen einem Piraten und einem Korsaren besteht darin, dass der Korsar die Unterstützung der regulären Kriegsflotte zum Ziel hat, obgleich er private Interessen verfolgt und sich aus der Handelsschifffahrt rekrutiert. Das verdeutlicht die englische Bezeichnung „privateer“. Der privateer hat im Gegensatz zum Piraten einen Kaperbrief, eine Ermächtigung seiner Regierung und darf die Flagge seines Landes führen.

Das französische Äquivalent zum englischen privateer ist der flibustier. Der Bekannteste, Jean Fleury, bringt 1523 eine von Hernán Cortéz mit dem Goldschatz des Moteczuma nach Spanien gesandte Flottille auf. In der kurzen Zeit, in der Frankreich nicht mit Spanien Krieg führt, erhalten die „flibustiers“ ihre Kaperbriefe von England und Holland. Ermächtigungsmöglichkeiten für die Raubzüge zur See werden „internationaler“. Das spiegelt sich in der Zusammensetzung der „flibustiers“ von Tortuga wieder. Schmugglern und Seeräubern aller Nationalitäten vereinigen sich dort als „frères de la côte“. Diese Küstenbrüder werden von ihren spanischen Gegnern naturgegebenerweise eher als „Fluch der Karibik“ wahrgenommen. So bekommen sie in Gestalt der spanischen „Guarda Costas“ einen eigentümlichen Typus zum Gegner, der ein Spiegelbild ihres eigenen Wesens ist. Die „Guarda Costas“ setzen sich aus unbesoldeten Seeleuten zusammen, die der spanischen Marine nicht angehören müssen und von ihrer Beute leben. Es sind maritime Söldner. Bis zur Abschaffung der Kaperei auf der Pariser Konferenz von 1856 nehmen noch staatlich ermächtigte Private aller couleur aktiv am Seekrieg teil.

Gefahr der Eskalation

Die Wiederkehr „alter“ „outlaw“-Kombattantenformen geht mit einer Steigerung des Krieges zum „Kreuzzug“ einher. Die damit verbundene Aufkündigung von Konventionen des „ius in bello“ führt zu einer Verletzung der geforderten Verhältnismäßigkeit der Kriegführung wie auch des Grundsatzes, daß der Waffengebrauch nicht Schäden und Wirren mit sich bringen darf, die schlimmer sind als das zu beseitigende Übel. Bei der Bekämpfung der Piraten als „Feinden der Menschheit“ gilt nicht zuletzt der nietzscheanische Aphorismus: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“